4:30 Uhr – Zwei unangenehme Geräusche beenden die viel zu kurze Nacht. Das eine ist das Klingeln meines Weckers, das andere – “Verdammter Mist!“  – das andere Geräusch kommt vom Regen, der auf das Zeltdach trommelt und der Lautstärke nach zu urteilen ist das kein Nieselregen.
4:35 Uhr – Widerwillig klettere ich aus meinem Schlafsack…“Mir ist kalt! Ich bin müde!“… Warum genau tue ich mir das hier noch mal an?

4:40 Uhr – Ich beschließe, dass das der falsche Zeitpunkt ist mir diese Frage zu beantworten und beginne, mir mein Frühstück zusammen zu stellen, was sich als erste große Herausforderung des Tages herausstellt, da es draußen noch dunkel ist und mir jetzt auffällt, dass wir keine Taschenlampe dabei haben.

5:00 Uhr – Entgegen allen guten Ratschlägen esse ich mein Müsli mit Milch. Müsli mit Wasser verkraften meine Nerven um diese Uhrzeit wirklich nicht!

5:30 Uhr – Gefrühstückt und umgezogen schiebe ich meinen Pizarro, das ist mein Fahrrad, durch den Regen zur Wechselzone.

5:35 Uhr – Ich bin klitschnass

5:40 Uhr – Die Wechselzone steht unter Wasser, jetzt sind auch meine Füße nass

6:15 Uhr – Eingecheckt, Pizarro in Position gebracht (noch mal kurz gestreichelt) und die beiden Beutel für die Wechsel platziert

6:30 Uhr – Regen

6:45 Uhr – Immer noch Regen

6:55 Uhr – Gestern bei der Wettkampfbesprechung hat ein Wetterexperte gesagt, dass es heute von 7 -13 Uhr trocken sein wird! Ich hoffe!

7:05 Uhr – Ich hasse Wetterexperten! Mit meiner Schwester zusammen stehe  ich jetzt in den Neo gequetscht am Schwimmstart und überlege, ob ich den Neo heute einfach gar nicht mehr ausziehe!

7:08 Uhr – Der Moderator kündigt unser Rennen (das Damenrennen) als das attraktivste Rennen des Tages an. ich fühle mich mittlerweile wie ein begossener Pudel, auf jeden Fall aber alles andere als attraktiv! Geht es den anderen wohl auch so?

7:10 Uhr – Meiner Schwester reißt die Schwimmbrille! PANIK!

7:15 Uhr – Stephan eilt mit Ersatz herbei – noch mal Glück gehabt! Jetzt lauschen wir der letzten kurzen Wettkampfbesprechung.  Mittlerweile bin ich so nervös, dass ich kaum etwas davon mit- bekomme!

7:20 Uhr – Meine Schwester und ich paddeln im Wasser! Sie weiß um meine Angst vorm Freiwasserschwimmen und  beruhigt  mich noch kurz damit, dass ich in dem Neo gar nicht untergehen kann….Aha! Und was,  wenn doch?

7:25 Uhr – Wir sind Segler! Deshalb wird jetzt, wie es sich gehört, die Tonne gepeilt und die Ideallinie gesucht!

7:30 Uhr – Schuss!! Und Start.. rund 90 Frauen schwimmen jetzt los! Und ich? Ich habe irgendwie nur noch wenig Lust auf das ganze Spektakel, ich bin müde! Na ja, aber immerhin ist mir in meinem Neo schön warm – ich schwimme also  los!

7.35 Uhr – Eigentlich läuft das sonst so ungeliebte Schwimmen ganz gut. Schnell finde ich meinen Rhythmus! Erste Tonne – Check! Zweite Tonne – Check! Weiter geht es Richtung Hafen…ehhh – wo war noch gleich der Hafen? Ein kurzer rundum Blick verrät mir, dass er nicht in der Richtung liegt, in die ich gerade schwimme! Etwas panisch schaue ich mich um! Für einen kurzen Moment bin ich verloren! Aber dann entdecke ich die anderen Schwimmerinnen und versuche Kurs zu halten….das gelingt mal mehr, mal weniger gut!

7:36 Uhr – Eine riesige Welle überrollt mich! Ich trinke gefühlt den Alpsee leer! „Hust“ !  Mein  Rhythmus ist jetzt  total im Eimer!

8:00 Uhr – Ich habe es in den Hafen geschafft, steige aus dem Wasser und laufe los. 65m muss ich an Land zurücklegen, um dann die letzten 500m zu schwimmen! Wo ist oben? Wo ist unten? Ich bin völlig orientierungslos! Irgendwo am Rand höre ich noch Thomas, Nils und Stephan schreien, da lasse ich mich auch schon wieder ins Wasser fallen! Zwei Brustzüge helfen mir, mich wieder zu  sammeln, zu orientieren und dann finde ich auch endlich meinen Rhythmus wieder!

8:08 Uhr – Da ist das Ufer!!! Wuuuup Wuuup!!!!  Ich schwanke aus dem Wasser, beginne den Kampf mit meinem Neoprenanzug und laufe in die Wechselzone! Meine Schwester ist schon da!

8:10 Uhr – Der Neo hat den Kampf verloren und ist schon im Beutel verstaut! Schnell ziehe ich mir meine Radschuhe an, streife mir eine Regenjacke über, meine Schwester ruft mir irgendetwas zu (Später erfahre ich, dass meine Schwester mir Armlinge anbieten wollte. Schade, dass ich sie nicht verstanden habe!) ..ich verstehe kein Wort! „Helm, Startnummernband, Riegel?? Ok! Geht los!“. Und dann ganz plötzlich, will mir einer meinen Beutel klauen, aber nicht mit mir! Ich halte ihn fest! Es dauert etwas, bis ich begreife, dass das nur eine Helferin ist, die meinen Beutel einsammeln will!

8:11 Uhr – Pizarro und ich verlassen die Wechselzone! Pizarro ist heiß, mir arschkalt!
… ab jetzt Wechsel ich von Zeitangaben auf km Angaben

4km – Ich habe mich gerade an meinen Sattel  gewöhnt, da geht es schon den ersten Anstieg hoch. Der Kalvarienberg ist 750m lang und hat 16% Steigung. Es gibt eine gesonderte  Bergwertung nur für diesen Anstieg! Ich komme zwar gut hoch, beschließe aber, lieber nicht zu versuchen das gelbe Trikot zu gewinnen! Florian hat mir gesagt, ich soll die Berge locker angehen und entspannt hoch fahren. Mir ist das Tempo sowieso vorgegeben. Ich bin im ersten Gang. schneller geht nicht, weil zu schwer, langsamer geht auch nicht, weil ich dann aufgrund des Geschwindigkeitsdefizites umfallen würde! Alles in allem komme ich den Berg aber gut hoch!

8km – Mir wird wieder kalt!

10km – Mir wird immer kälter! Der Regen ist stärker geworden und ich bin bis auf die Knochen nass! Aber jetzt kommt der nächste Anstieg, vielleicht hilft der beim Warmwerden! Ich bin optimistisch

15km – Ich bin oben, meinen Optimismus habe ich aber leider am Berg abgehängt! Mir ist immer noch bitterkalt und noch dazu bin ich jetzt auch total k.o.! Ich beschließe mehr Gels zu essen als zuvor eingeplant. Am Ende der Radstrecke werden es 8 statt der geplanten 5 sein! Kälte frisst halt Energie!

20km – Ein Glück es geht bergab!

21km – Verdammt, das ist noch kälter! Außerdem peitscht mir der Regen ins Gesicht! Ich sehe kaum etwas! Ich denke über Scheibenwischer für Brillen nach!

22km – Ich fahre jetzt ohne Brille. sehen tue ich dadurch aber auch nicht mehr!

23km – Ich zittere, das Schalten fällt mir schwer, die Finger sind kalt

30km – Nach dem Wendepunkt kommt mir meine Schwester gut gelaunt entgegen! Das muntert mich ein bisschen auf, hält aber leider nicht lange an!

34km – Hannes rauscht an mir vorbei. Sein Blick und seine aufmunternden Worte lassen mich ahnen, wie verzweifelt ich gerade aussehen muss!

35km – Die Kette springt beim Schalten ab! Jetzt bin ich völlig demoralisiert! Ich  beginne zu weinen!

39km – Was hat mir Andre noch gleich gesagt „Bei einer Mitteldistanz starten zu dürfen ist ein Privileg! Genieße jeden Augenblick!“  und hatte ich da nicht auch mal total Bock drauf?!

40km – Jetzt ist da ein Typ mit einer Kamera! Ein Foto auf dem ich heule kommt überhaupt nicht in Frage! Ich schaue auf den Tiger, der zur Motivation auf meinem Lenker klebt! Ein Geschenk von Leonie! „Leonie!“ An die denke ich jetzt! Leonie will ich nachher erzählen, dass ich gut angekommen bin! Außerdem ist Aufgeben jetzt auch keine Option! Nicht wegen etwas Wasser von oben !

41km – Drecksregen!! Ich denke an Leonie, an Tiger:-D, an Lanzarote!

42km – Meine Erschöpfung schlägt urplötzlich in Motivation um!  Auf in die zweite Runde!

43km – Kalvarienberg die Zweite! Auf geht`s!

44km – Mir wird langsam wärmer!

45km – Jetzt läuft es endlich!

65km – Bei meiner Schwester läuft es auch  !

85km – Ich rolle überglücklich in die Wechselzone ein, gebe Pizarro ab und greife mir meinen Beutel, den ich zu meinem Erstaunen gleich finde, und laufe zum Wechselzelt!
Im Wechselzelt dann der Blick an den Beinen runter; „Sind meine Füße noch dran?“ Spüren kann ich sie nicht mehr! Aber Gott sei dank, sie sind noch dran und werden schnell in die ZOOT 😉  Laufschuhe gesteckt! – Meine Schwester sehe ich noch in die Wechselzone einlaufen! Ein Glück, ich bin erleichtert und froh, dass wir beide heil geblieben sind!

0km – Jipppiii –  endlich auf der Laufstrecke! Jetzt ist habe ich richtig Lust! Geil, Laufen!! Was ist bloß los mit mir?

2km – Endlich! Die Füße werden warm

3km – Sollte die Laufstrecke nicht flach sein?

4km – Es geht den „Kuhsteig“ hoch, ein 20% steiler Anstieg, den eigentlich nur die Kühe nutzen und der durch den Regen und die vielen Läufer  jetzt zu einer rutschigen Schlammpiste geworden ist! Ich find`s toll! Ich liebe Berge (zumindest beim Laufen)! Was ist bloß los mit mir?

5km – Gut gelaunt geht es bergab!

7km – Sebastian Kienle kommt mir entgegen, dann meine Schwester, dann Faris al Sultan! Meine Schwester ist gut gelaunt! Die beiden anderen verziehen keine Mine! Meiner Schwester kann ich noch stolz zurufen, dass mich Sebi noch nicht überholt hat!

7,5km – Neues Tagesziel: Sebastian Kienle überholt mich heute nicht!

8km – Sebastian Kienle rauscht vorbei! Mir doch egal! Ist ja eh keine Konkurrenz heute! Der macht ja „nur“ die OD und zumindest der Sultan kriegt mich nicht! „ Ja! Bei einer Mitteldistanz zu starten ist ein Privileg!“ Jetzt wird mir langsam klar, was Andre meint!

10km – läuft bei mir

14,5km – noch einmal geht es den Kuhsteig rauf! Viele gehen jetzt! Und ich? Ich laufe!!

18km – Plötzlich habe ich Respekt vor der Strecke! Was mache ich hier eigentlich? Ich fühle mich fast so, als dürfte ich nach dieser Radstrecke nicht mehr so schnell laufen! Irgendwie habe ich auf einmal Angst es nicht schaffen zu können!

18,5km – Ich beschließe, dass mir das jetzt alles egal ist und laufe einfach ein bisschen schneller!

19km – läuft bei mir

20km – Gefühlt  laufe ich gerade den Halbmarathon meines Lebens! Ich genieße jeden Schritt!

21,195km – Ich kann es nicht glauben! Ich bin überglücklich und stolz—und ein bisschen traurig sogar auch, dass es jetzt vorbei ist!

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

KULT

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Inga & Maja – Unsere Mitteldistanzlerinnen

Im Ziel stehen sie alle! Moni, Werner, Nike, Hannes, Kolin, Simon, Nils und Thomas! Und Stephan, der mir auch endlich den lang ersehnten warmen Pulli reicht!!! Puhh alle sind heile von der Radstrecke runter!
Jetzt werde ich aber erneut nervös! Ich warte auf meine Schwester!! ……… Da!!! Da ist sie! In meiner Euphorie entreiße ich dem Moderator kurzerhand das Mikrofon! Das muss jetzt sein! „Inga, ich bin so stolz auf dich“ spreche ich in das Mikro! Inga, wird aufgrund meines Einsatzes natürlich gleich interviewt!  … „Was? Die erste Mitteldistanz? Und dann auch gleich im Allgäu? Gab es nichts Einfaches?“, Doch natürlich hätte es einfachere Strecken  gegeben, aber Inga ist eben Inga und die sucht sich halt die schönste Strecke aus, egal wie hart die sein mag! Für mich steht fest, ohne sie, wäre ich nicht mal auf die Idee gekommen im Allgäu anzutreten, aber ab und zu lohnt es sich eben, doch auf die große Schwester zu hören!
Später werde ich auf meinem Handy, 32 Whatsapp Nachrichten haben! Danke an alle, die an mich gedacht oder mich sogar getrackt haben! Und ganz, ganz lieben Dank an alle Streckenposten, ihr seid die Besten!